Die Heuschrecken fliegen wieder?
Hauptsächlich ein Artikel bei der Netzeitung und verschiedene Diskussionen haben mich auf diesen Artikel gebracht. Wie sieht es eigentlich aus mit deutschsprachigen Blogger-Szenze, war die grundsätzliche Überlegung. Es ging auch um Erfolg im Arbeitsleben und auch um Erfolg mit der deutschen Sprache im Web und generell um das Mitmach-Web und Web 2.0. Wer hier jetzt auf eine technische Abhandlung oder eine Lösung hofft kann sich das weiterlesen gleich sparen. Es geht eher um einen kritischen Blick auf das Ganze und um Gedanken zu unserer Gesellschaft.
Gedanken zum Web
Das Web ist bei den Menschen?
Grundsätzlich stelle ich mir immer wieder die Frage, wer das Netz eigentlich benutzt und wie? In den ganzen Diskussionen wird immer davon ausgegangen, dass alle den gleichen Wissensstand haben. Wenn man sich die Statistiken zur Durchdringung der Haushalte mit Internetanschlüssen anschaut, kommt man auch zur Meinung, dass der Großteil der Bevölkerung im Web unterwegs ist. Dem ist aber absolut nicht so. Denn laut der ARD-ZDF-Online Studie bleiben ein Dritter der deutschen Bevölkerung offline [pdf]. Von den restlichen zwei Dritteln kann man behaupten, dass sie “Fachbegriffe” wie Chat, Web 2.0, Community, Twitter oder social Networks nicht kennen oder richtig einordnen können. Manche von ihnen verwenden diese Dienste zwar, aber sie sind nie richtig in der Bevölkerung angekommen.
An und für sich ist dies ja kein Problem. Denn wenn man von Millionen Menschen 1 Prozent erreicht ist das noch immer eine große Anzahl an Menschen. Wenn man sich den Artikel “Mitmachnetz web2.0: Rege Beteiligung nur in Community [pdf]” von Martin Fisch und Christoph Gscheidle ansieht ist es schon interessant, dass Videoportale und WikiPedia von rund 50% der Onliner benutzt werden, rund 23% nutzen Fotosammlungen und Communities und alle anderen Dienste werden von maximal 5% der Onliner benutzt.
Dadurch komme ich eigentlich zum Schluss, dass wir IT-Pros nur glauben, dass alle wissen und sehen was wir tun. In der Wirklichkeit ist es so, dass eine kleine, eingeschworene Gemeinde die Dienste nutzt und pusht, aber diese nie wirklich in der Bevölkerung ankommen. Wahrscheinlich geht alles viel zu schnell. Denn wenn die Dienste ausgereift sind und endlich bei den “Normalsterblichen” (Menschen die sich nicht täglich und intensiv damit beschäftigen.) ankommen könnten sind die Heuschrecken schon beim nächsten Weizenfeld angekommen und der Dienst bietet keine wirklichen Informatinen mehr.
Das Web bestimmt unser Leben?
Ja und Nein. eMail und “normale” webSites sind aus dem geschäftlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Im westlichen Kulturraum geht ohne diese Kommunikationsschiene gar nichts mehr. Der klassische Brief und klassische Werbemittel, wie Kataloge, Prospekte und Flyer, liegen nur mehr selten im Briefkasten. Das meiste an Information kommt eher in den Posteingang des eMails oder wird über webSites herausgesucht.
Im alltäglichen Leben, im privaten Bereich ist das Web sicher nicht bestimmend. Es kommen noch immer die Prospekte der großen Supermarktketten, die Zeitungen und Fachbücher liegen am Wohnzimmertisch und man telefoniert eher mit jemanden als ihm ein eMail zu senden. Natürlich gibt es hier auch “Spezialisten”. Die unter 30jährigen nutzen alle Kommunikationswege und somit auch Chat-Systeme oder Twitter, aber auch SMS und Mobiltelefone. Bei einem ganz kleinen Prozentsatz bestimmt das Web sicher das Leben, aber dass es eine komplette Durchdringung (über 70%) gebe = Fehlanzeige.
Gedanken zu Blogs & Twitter
Im Moment brandet die Diskussion auf, ob Twitter die Blogs umbringt. Wenn man die vorherigen Informationen nimmt und sie mit der Diskussion hier vergleicht, komme ich zum Schluss, dass die Diskussion nur die wirklich web-affinen Menschen berührt und irrelevant ist. Es ist als ob man über “Das Liebesleben der kubanischen Weinbergschnecke” diskutieren würde, die Bevölkerung, die Masse betrifft es nicht.
Wie der Popkulturjunkie richtig schreibt, ergänzen sich Twitter und Blogs. Aber eine Ergänzung dazu ist notwendig: Sabine an der Aldi-Kasse ist das komplett egal, da sie beides nur gering nutzt und wenn ist es ihr egal wo sie die Info herbekommt.
Warum schreiben wir Blogs?
Ich kann eigentlich nur von mir ausgehen und denke, dass es vielen gleich geht. Wir schreiben Blogs weil es Spass macht, weil Informationen frei sind, weil wir jemanden einen Mehrwert bieten wollen. Manche schreiben sie sicher auch weil sie Geld verdienen wollen.
Aber wenn wir ehrlich sind, verdienen nur ein paar wirklich Geld mit dem Blog und ein paar grosse Firmen verdienen Geld mit dem Web. Meistens sind es irgendwelche “Ab….” die uns versprechen, dass wior bei Google ein Topranking erreichen, mit Twitter Geldverdienen oder Affiliate-Marketing uns $ 1.000,– am Tag einbringt. Für all diese Tipps zahlen hier $ 5,– und dort $ 9,90. Die haben verdient, aber wir? Es kommt mir so vor, als wie wenn der Herr F…. sein todsicheres Lotto-System allen anbietet, weil er so ein grosses Herz hat. Warum benutzt er es nicht selber und wird reich damit? Würdest Du deinem Freund sagen wie man den Jackpot knackt, wenn Du es weißt, oder würdest Du in selber knacken? Ich denke, die Antwort erübrigt sich! Genauso ist es mit den Versprechen im Web, dass man $ xxx,– pro Tag verdienen kann. Warum verkaufen die Ihr System und nutzen es nicht selber und bauen es aus und werden reich?. Sie machen es ja! Sie verwenden nur ein anderes System: Sie benutzen die Blogger, Twitterer und webSite-Betreiber und kriegen von denen die mitmachen $ 5,– im Monat. Das sind bei 1.000 Teilnehmern auch $ 5.000.- im Monat. Nicht schlecht, oder?
Der alte Spruch: “Vor dem VERdienen, kommt das DIENEN!” hat für mich auch im Web an Wahrheit nichts verlorenb. Also bleiben wir doch bei dem was wir gut können. Einen Blog schreiben, in als Tagebuch nutzen, als Informationsquelle als Punkt wo alles zusammenläuft. Thomas Zoerner hat das in seinem Artikel “Cyber-Junk / Zeitwaufwand / Recherche” – für mich – auf den Punkt gebracht. Das Verdienen wird dann von selber kommen, wenn man gut ist. Aber sicher nicht über irgendwelche Affiliate-Programme, sondern über die eigene Arbeit. Daher habe ich auch gestern meinen Blog umgestellt und die meisten Werbungen, rausgeworfen. Es bleibt nur mehr Google AdSense und die Hoffnung, damit irgendwann die Serverkosten zahlen zu können. Meine Arbeitszeit am Blog, verbuche ich einfach unter dem Punkt “Spass & Hobby”.
Warum nutzen wir Twitter?
Weil es in ist? Weil es aus den USA kommt? Weil es alle machen? Weil wir uns Infos holen? Wahrscheinlich ist die Antwort eine Mischung aus allem und noch ein wenig mehr. Wenn ich mir die Tweets so anschaue, ist es für einen Teil der Twitterer aber eher ein innerer Zwang: Bevor sie laut mit sich selbst reden, schreiben sie einen Tweet. Denn wenn interessiert es wirklich, dass sich ein Mensch aus Buxtehude gerade die Nase putzt? Irgendwie habe ich die Befürchtung, dass ich von manchen Informationen zum täglichen Stuhlgang erhalten und das wollte ich nie wissen.
Natürlich gibt es die Möglichkeit, sich seine Follower-Gemeinde zusammen zu stellen – glücklicherweise mache ich das, und werde so von vielen “Müll-Tweets” verschont. Für mich ist Twitter eigentlich ein Chat-Kanal und Kontakt-Kanal. Es ist praktisch, man lernt Leute kennen, die man so nie gefunden hätte und mit diesen kann man diskutieren und sinnvolle (!!) Informationen austauschen. Manchmal ist sogar in der globalen Timeline das eine oder andere Schmankerl dabei, aber das ist eher wie “Nadel im Heuhaufen”.
Aber man muss sich bewusst machen, dass Twitter ein “Sprech-Werkzeug” ist, mit dem zuhören klappt es nicht so gut. Meine eigene Erfahrung ist: Wenn man an die Twitter-Gemeinde eine Frage stellt, erhält man keine Anwort. Erst wenn man einen Twitterer persönlich anspricht, klappt es in 70% der Fragen.
Gedanken zu den Heuschrecken
Die Menschen da draussen machen sich Gedanken ob Twitter die Blogs ablösen wird und wo die Karawane hinziehen wird. Meiner Meinung ist es egal wo die Heuschrecken das nächste Feld abfressen. Es wird wie bei allen Hypes sein: Zuerst kommen die Web-affinen, dann die ganzen Typen mit ihren Versprechungen Geld zu verdienen, dazu gesellen sich dann die Single-Börsen und Sex-Börsen, am Ende bleibt dann ein Dienst mit Sex, Werbung und ein paar Nutzern über. Und wir Pro’s sind dann schon beim übernächsten Dienst und machen uns Gedanken wo wir Kamele hinziehen werden.
Aber das ist jetzt schon klar, egal welchen Namen der Dienst haben wird, egal welchen Service er bieten wird, es ist sicher, dass er aus den USAS kommt. Wir diskutieren ja bereits ob man mit einem deutschsprachigen Service, Blog, Twitter-Account, was auch immer, Erfolg haben kann. Wir schauen brav nach Amerika und warten was sie uns bringen. Oder kann mir einer von euch einen Dienst nennen der wirklich aus Europa oder besser noch aus einem deutschsprachigen Land kommt?
Gedanken zu Erfolg
Ich habe sie nicht, die Weisheit wie man erfolgreich wird. Ich denke man muss halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, und es wird klappen. Aber im Web ist der Erfolg klar definiert: Wieviele Followers man hat, wieviele Kontakte bei XING, meinVZ, Facebook, oder sonst einer Communitie man hat, wieviele Visits, wieviele Leser des Feeds man beim eigenen Blog hat. Das ist heute die Messlatte des Erfolgs.
Aber was bringen uns diese Zahlen? Mehr als persönliche Befriedigung wird nicht drinnen sein. Denn ich kenne noch niemanden, der mir $ 1,- für jeden Follower oder Visit auf meinem Blog bezahlt. Falls Ihr jemanden kennt, oder selber zahlen wollt, dann schickt mir eine Nachricht
Ich denke im deutschsprachigen Raum wird es nichts geben um Erfolg zu haben. Wir sind einfach amerika-hörig und ich verstehe es nicht, denn wie hat Harald Schmid vor Jahren gesagt:
Bush: Wenn wir 1945 nicht gekommen wären, würdet ihr noch immer N.z.s sein!
Schmid: Wenn wir vor 250 Jahren nicht gekommen wären, würdet ihr noch immer blossfüssig sein!
Für mich sagt das alles! Die amerikanische Kultur beruht auf der “Alten Welt”. Natürlich die indianische ausgenommen!!! Aber heute ist es so, dass man nur Erfolg haben kann, wenn etwas aus den USA kommt. Viele gehen von zu Hause weg, nehmen das Produkt mit nach Amerika und bringen es von dort auf den europäischen Markt und haben erst dann Erfolg. Warum? Wir sprechen englisch, wir leben englisch und wir schauen immer in die USA!
Kann mir wirklich wer einen Dienst im Web nennen, der von Europa kommt? XING ist eine Kopie von LinkedIN, meinVZ eine Kopie von FaceBook, Flickr und YouTube wurden noch nicht kopiert, JahJah ist eine Kopie von Skype, Twitter wurde auch noch nicht kopiert, die europäische Suchmaschine ging in natiopnalen Streitigkeiten unter und Google gibt weiter die Richtung vor. Irgendwo ein Dienst aus Europa, der Erfolg hat und keine Kopie ist? Weit und breit nichts zu sehen.
Schlussgedanke
Daher ist die Aktion von StyleSpion “Ein ? für Blogs nur zu unterstützen! Eigentlich müsste, sie wie der #FollowFriday auf Twitter, jede Woche durchgeführt werden. Wir brauchen eine Ideen-Börse in der wir unsere Ideen sammeln und auch gemeinsam verwirklichen. Ohne “das kann nicht gehen, weil …”, sondern mit “Das machen wir, weil …”. Wir brauchen Service! Nicht wie Be A MagPie (eine deutsches Unternehmen) mir auf eine Anfrage geschrieben hat:
We’ve checked your account. it’s actually not a magpie problem but a twitter problem.
Seitdem habe ich nichts mehr gehört und das Problem besteht weiter. Sind sie zu groß, zu deutsch, zu ignorant? Ich weiß es nicht! Auf jeden Fall hat eine gute Idee, bei mir, wieder einen negativen Punkt gesammelt. Da das Service nicht klappt. Ich versuche – und schaffe es meistens – Kommentar in meinem Blog am selben Tag zu beantworten, auf eMails innerhalb von 24 Stunden zu reagieren und so weiter. Wir leben in der Service-Gesellschaft und wenn wir diesen Service wollen, müssen wir ihn auch anderen bieten.
Die Karawane von Kamelen wird zum nächsten (amerikanischen) Dienst weiterziehen, und wir Esel werden wieder mittrotten. Und wir werden uns wundern warum die Amerikaner immer besser sein werden. Und wir werden uns fragen, was wir falsch machen.
weiterführende Links:
- Netzeitung: Die Karawane zieht weiter!
- ARD-ZDF: Onlinestudie 2008.
- Popkulturjunkie: Blogs, Twitter und Links.
- Cyber-Junk: Cyber-Junk / Zeitwaufwand / Recherche
- StyleSpion: Ein ? für Blogs
ähnliche Posts:
- Twitter – Ja oder Nein?
- Followers, FaceBook, Blog & Co
- 4 Gründe und einige Gedanken warum Du bloggen und nicht nur twittern sollst
- Erfolg besteht aus 8 Faktoren
- Twitter kämpft mit Besucherschwund!
- am Samstag, 2. Mai 2009 um 11:09 erstellt und wurde unter Aus dem Leben abgelegt.
- Der Post besitzt diese Tags: Blog, Dienste, Gedanken, service, Twitter, USA
- Du kannst alle Antworten darauf mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen.
- Du kannst eine Antwort schreiben.
- Du kannst einen TrackBack von Deinem eigenen Blog setzen.
drucken
Der Artikel hat Dir geholfen?

Warum spendierst Du mir nicht einen Kaffee?










Kommentare zu diesem Artikel
Die “Heuschrecken” haben nie aufgehört zu fliegen, werden nie aufhören zu fliegen; sie kreisen nur manchmal in einer Warteschleife … – Für das Lesen des Artikels muß ich mir etwas mehr Zeit nehmen. – Danke.
Ein gut geschriebener Artikel, in weiten Teilen stimme ich Dir zu. Nur bezweifele ich, dass Twitter überhaupt die grosse Masse erreichen wird. Für die Verkäuferin an der Aldi-Kasse mag so ein Service keinen Mehrwert bringen, genauso wie dem gros der Bevölkerung.
Guter Artikel, danke! Was mir bei diesen Diskussionen immer wieder auffällt: Das Gefäss Blog wird besonders hervorgehoben. Derweil ist es ja für die Nicht-IT-Menschen völlig egal, ob es sich dabei um ein Blog oder sonst was handelt. Und da sollten wir ansetzen: Statt dem Gefäss einen Sinn zu geben, sollten wir dies mit dem Inhalt tun. Dann klappt es nämlich. Der Inhalt zählt und worin der aufgehoben wird, ist sekundär, solange sich das Gefäss bedienen lässt. Darum verstehe ich manchmal nicht, weshalb ein Blog immer von andern Angeboten aus dem Mitmach-Web unterschieden wird.
Twitter ist – wie Du es schon angedeutet hast – auch für mich just4Fun. Und möglichst in kleiner Dosierung. Zuviel vom dem Social-Spam verkrafte ich nämlich nicht.
Trackbacks zu diesem Artikel
Die Heuschrecken fliegen wieder?…
Wie sieht es eigentlich aus mit deutschsprachigen Blogger-Szenze, war die grundsätzliche Überlegung. Es geht auch um Erfolg im Arbeitsleben und auch um Erfolg mit der deutschen Sprache im Web und generell um das Mitmach-Web und Web 2.0. Wer hier jetz…
[...] Zeit muss Ruhe einkehren und man sollte sich wieder den nachhaltigen Diensten widmen. Nur weil die “Early Adopters” weiterziehen sich vom Blog abwenden, bedeutet es nicht, dass es vorbei [...]